Pädagogische Sensationen in der Provinz
Man könnte Thüringen auch als „Kernland“ der Bildung bezeichnen. Mehrfach sind von hier innovative Bildungskonzepte mit zum Teil weltweiter Wirkung ausgegangen. An erster Stelle steht dabei zweifellos die Weimarer Klassik, für die die „Erziehung des Menschengeschlechtes“ das zentrale Thema war. Herders praktisches Wirken als oberster Schulverantwortlicher, Schillers Arbeiten zur „ästhetischen Erziehung“ und Goethes Gesamtwerk haben deutsche und europäische Bildungsdebatten bis in die Gegenwart geprägt. Dazu gehören insbesondere Humboldts Universitätskonzept, die Entwicklung des (neu-)humanistischen deutschen Gymnasiums und Rudolf Steiners Begründung der Waldorfpädagogik, die – wenngleich letztlich an anderer Stelle realisiert – alle ihre geistigen Wurzeln in Weimar und Jena haben.
Die „klassischen“ Entwürfe ihrerseits haben Vorläufer und Nachfolger. Bereits im 17. Jahrhundert begründete Wolfgang Ratke in Gotha das öffentliche Schulwesen in Deutschland, die Philantropen Salzmann und GutsMuths setzen in Schnepfenthal ein ganzheitliches Bildungsideal praktisch um; und 1837 eröffnete Friedrich Fröbel in Blankenburg den ersten „Kindergarten“.
Auch die Reformpädagogik Ende des 19. und Anfang der 20. Jahrhunderts knüpft inhaltlich an das Gedankengut der Klassik an: Die Landerziehungsheim-Bewegung von Hermann Lietz (Haubinda), die Freie Schulgemeinde von Gustav Wynecken (Wickersdorf) und die Jena-Plan-Schule von Peter Petersen haben nicht zufällig gerade in Thüringen bleibende Spuren hinterlassen. Zu erwähnen ist nicht zuletzt die Gründung des Bauhauses 1919 in Weimar, dessen weltweite Wirkung wesentlich auf den hier entwickelten innovativen Lehrkonzepten beruhte.