13. Weimarer Sommerkurse vom 11. - 25.08.2012
Individualität - Gemeinschaft - Gesellschaft
Lange Zeit schien es so, als ob der autonome, auf sich selbst bezogene und hedonistische Bürger, der mit seiner Initiative, Schaffenskraft und seinem Konsum unsere modernen Gesellschaften am Laufen und Wachsen hält, das Idealbild der Moderne sei. Individualität wurde als Befreiung aus beengender Gemeinschaft verstanden, Gesellschaft als zwar notwendiger, doch vielfach auch einengender und deshalb möglichst zu minimierender Rahmen neoliberalen Fortschrittsdenkens propagiert. Inzwischen, angesichts kaum noch zu überschauender – noch gar zu beherrschender – wirtschaftlicher, sozialer, politischer und ökologischer Krisenerscheinungen, bröckelt bei vielen Menschen jede Art von Fortschrittseuphorie und Zukunftsgewissheit.
Das Verhältnis von Individuum, Gemeinschaft und Gesellschaft wird deshalb gegenwärtig an vielen Orten neu definiert: Familienstrukturen, Freundeskreise und „Wahlverwandtschaften“ sind als soziale Netze in Krisenzeiten wie auch als Rahmen sinnstiftender Tätigkeit augenscheinlich wichtiger denn je. Energiegenossenschaften, regionale Versorgungsnetze und gemeinschaftliche Wohnprojekte erweisen sich als wichtige Organisationsformen für eine Energiewende, die Wiedergewinnung wirtschaftlicher Stabilität und zur Bewältigung des demographischen Wandels – vor allem in den westlichen Industriegesellschaften.
Vor diesem zeitgenössischen Hintergrund ist es interessant und hoch aktuell, zu erkennen, dass auch die „Dichter und Denker“ der Weimarer Klassik die Wechselbeziehung von Individualität, Gemeinschaft und Gesellschaft philosophisch und künstlerisch in vielen Facetten bearbeitet haben. Diese „klassischen“ Diskurse werden im 19. Jahrhundert angesichts der rasanten gesellschaftlichen Modernisierung aufgegriffen, fortgeführt und intellektuell erweitert. Später kommt es dann zur theoretischen und praktischen Nivellierung von Individualität im Rahmen der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“-Ideologie, mit deren Folgen man sich in der Gedenkstätte Buchenwald oberhalb der Klassikerstadt auseinandersetzen kann. Und auch im „realexistierenden Sozialismus“ standen Individuum, Gemeinschaft und Gesellschaft in einer höchst spannungsreichen Beziehung.
Weimar ist der Ort in Deutschland, in dem sich solche Entwicklungen historisch trafen und heute in der Erinnerung verbunden sind. Ausgehend von einem ebenso faszinierenden wie bedrückenden historischen Erbe wollen die Weimarer Sommerkurse der Frage nachgehen, wie Individualität, Gemeinschaft und Gesellschaft angesichts aktueller Herausforderungen zukunftsfähig gestaltet werden können.
Gemeinsam mit etwa 70 Teilnehmenden aus aller Welt leben und arbeiten Sie dabei zwei Wochen lang inmitten der europäischen Kulturstadt Weimar. Neben intensiver Textarbeit, bei der es vor allem auch um den interkulturellen Austausch zwischen den Teilnehmenden geht, nutzen die Weimarer Sommerkurse die einzigartige Dichte von Archiven, Bibliotheken, Museen, Dichterhäusern und Denkmälern der „Doppelstadt Weimar-Jena“, um die Themen der Kurse im wahrsten Wortsinne anschaulich zu machen.
Dr. Justus H. Ulbricht, Vorsitzender der Weimar-Jena-Akademie